Aktuelles 2020 in Nicaragua

Wie siehts 2020 im Projekt Aquas bravas aus? Hier ein Bericht von Juli 2020:

Sexueller Missbrauch und Covid-19:

Zwei Pandemien belasten das Leben von Frauen in Nicaragua

Selbst Anfang Januar dieses Jahres war die durch Covid-19 verursachte globale Gesundheitskrise in unserem Land nur ein Gerücht. Wir waren bewegt von den Nachrichten über infizierte und getötete Menschen in Asien und Europa, aber wir konnten uns nicht vorstellen, welche Bedeutung diese Pandemie für uns haben würde, als sie unser Land heimsuchte. Wir haben es heruntergespielt, weil sie sagten, es sei eine Strategie des Kapitalismus, eine Krankheit der Reichen, der Ausländer, der Touristen, und dass wir in Nicaragua gegen das Virus immun seien, „wie sollen wir krank werden, wenn wir neben den Abwässern leben, dann sind wir ja schon immun“, hörten wir von anderen Leuten.

Anfang März war dann die Ankunft (von Covid-19) spürbar. Die Reaktionen waren unterschiedlich: einige verharmlosten die Realität, andere verspotteten die Maßnahmen der Nachbarländer und nannten sie „übertrieben und Panikmache“, andere suchten nach Maßnahmen, um Infektionen in ihren Häusern zu verhindern, und wieder andere, die Sympathisanten und Mitglieder der Regierung, feierten seine Ankunft mit einem Willkommensbanner, mit Tänzen, Liedern und großen Versammlungen.

Aber für diejenigen von uns, die in ihrer Kindheit ein Trauma erlebt hatten, ist lebenswichtig, auf eine neue Bedrohung von entscheidender Bedeutung angemessen zu reagieren. Frauen zu begleiten, die in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erlebt haben, bedeutet, ihnen nicht nur bei der Aufarbeitung der traumatischen Folgen zur Seite zu stehen, sondern auch dafür, Prävention bei neuen Risiken zu entwickeln und einzusetzen. Angesichts der fehlenden Reaktion der nicaraguanischen Regierung und des Mangels an Schutzmaßnahmen für ihre Bürger hat jeder einzelne Nicaraguaner, jede Familie und die Gesellschaft Schritte unternommen, um sich vor einer möglichen Ansteckung zu schützen.

Bei Aguas Bravas haben wir gemeinsam Antworten gefunden, um uns und die Frauen zu schützen. Sie in ihren individuellen Prozessen nicht mehr zu begleiten, war keine Option. Also begleiteten wir sie in ihrem Aufarbeitungsprozess von nun an in virtuellen Treffen mit den Ressourcen, die sie und wir hatten. Einige Frauen hatten Zugang zu einem Mobiltelefon, einem Internet-Netzwerk oder im Voraus bezahltes Guthaben auf ihrem Handy für WLAN und vor allem zu einem geschützten Raum, um sich mit ihren Reflexionen über Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen und den erlebten sexuellen Missbrauch im Besonderen zu verbinden und den Prozess fortzusetzen.

Natürlich haben in einem verarmten Land wie dem unseren nicht alle Frauen Zugang zu dieser neuen Form der Betreuung. Nicht alle von ihnen haben diese drei Voraussetzungen, um den Prozess fortzusetzen, weshalb 15 % der Frauen, die bisher unterstützt wurden, ihre Prozesse pausieren. Wir rufen sie allerdings von Zeit zu Zeit an, um sie daran zu erinnern, dass wir uns nach dieser Tragödie wiedersehen, uns umarmen und vor allem den Aufarbeitungsprozeß fortsetzen werden. wenn diese Tragödie vorüber ist. Doch der Mangel an Ressourcen ist nicht die einzige Einschränkung, von der sich Frauen erholen müssen.

Diese Pandemie, von der gesagt wurde, dass sie nur Reiche, Ausländer und Touristen infiziert, klopfte auch an die Türen der verarmten Menschen, so wie die Pandemie des sexuellen Missbrauchs, die genauso wenig diskriminierend ist. Und obwohl die Frauen von Aguas Bravas viele Wege gesucht haben, um für sich selbst zu sorgen, hat der Covid-19 durch das fahrlässige Handeln der Regierung, das die Ansteckung gefördert hat, auch an ihre Türen, an ihre Körper und an die Körper ihrer Familien geklopft, so dass in ihren Familien Arbeitslosigkeit und größere Schwierigkeiten bei der Bewältigung der Kosten des Lebens, mehr Verarmung, Ansteckung, Tod und andere Trauer zu überwinden sind. Wieder einmal kehren Ängste, Traurigkeit, Sorgen, Beklemmung, Angst, Hilflosigkeit, Müdigkeit und Frustration zurück und umklammert auch sie.

Andererseits kann nicht ignoriert werden, dass diese neue Bedrohung die Nutzerinnen von Aguas Bravas erneut mit der politischen Explosion vom April 2018 in Verbindung gebracht hat. Wieder einmal sehen sie sich vor ihrer widersprüchlichen Entscheidung, ob sie der Aufarbeitung des Traumas, das aus der Erfahrung des sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit resultiert, Vorrang einräumen sollen, oder ob sie ihre körperliche Gesundheit und ihr Leben angesichts der Bedrohung durch Covid-19 und der Regierung, die heute erneut ihre Bürger dem Tod aussetzt, in den Vordergrund stellen.

Aber auch für das therapeutische Personal der Fundación Aguas-Bravas- bedeutet diese neue Modalität der Online-Begleitung sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppentherapie eine neue Herausforderung in Bezug auf den Umgang mit der Technologie: einen Raum zu Hause zu schaffen, um eine solche Aktivität durchzuführen, Zugang zum Internet und ein Mobiltelefon mit der notwendigen Kapazität zum Herunterladen der notwendigen Anwendungen, um eine solche Betreuung durchführen zu können.

Wenn der Aufarbeitungsprozess einmal begonnen hat, treffen wir bei den Nutzerinnen auch auf einen weiteren Faktor, der ihre Entscheidung beeinflusst, zu diesem Zeitpunkt eine Pause einzulegen, nämlich, dass die meisten von ihnen nicht mit ihren Familien über ihre Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit gesprochen haben und zu Hause nicht die Privatsphäre haben, solche therapeutischen Gespräche zu führen. Die Tatsache, dass viele von ihnen selbständig erwerbstätig sind, bedeutet auch, dass ihre Alltagsgestaltung davon abhängt. Die Aktivitäten vieler Nutzerinnen sind Verkäufe auf der Straße oder Heimarbeit, beides Bereiche, die im Moment sehr betroffen sind. Außerdem sind die meisten von ihnen Mütter und müssen die wirtschaftlichen Probleme ihrer Familien lösen, zusätzlich zu den vielfältigen Aufgaben, die in den Geschlechterrollen enthalten sind, mit denen wir Frauen Tag für Tag konfrontiert sind.

Mit einigen Frauen in Einzeltherapie konnten wir in den geplanten therapeutischen Zielen vorankommen. Bei anderen Frauen hingegen nahmen familiäre Situationen (Verlustschmerz als Ergebnis des Virus), in Krankheits- und Genesungsprozessen bei ihnen oder ihren Angehörigen den Vorrang ein, da sie bei ihnen viel Stress und Ängste hervorgerufen haben. Gemeinsam haben wir Strategien für den Umgang mit dieser sanitären Krise entwickelt.

Auch die jüngsten Nutzerinnen mussten teilweise in das Haus zurückkehren, in dem sich ihre Aggressoren aufhalten, entweder, weil ihre Universitäten geschlossen wurden oder weil sie ihrem Arbeitsplatz verloren und keine andere Wahl hatten, als in das Haus ihrer Eltern oder Großeltern zurückzukehren. Diese Realität stellt sie wieder vor den sexuellen Aggressor ihrer Kindheit.

Angesichts all dieses Panoramas, vor dem die Frauen stehen, sind wir von Aguas Bravas so weit wie möglich da, um ihre einfühlsamen Zuhörerinnen zu sein, um ihren Mut zu stärken, sich ihrer Geschichte zu stellen und die Folgen aufzuarbeiten. Wir laden sie ein, die Fortschritte zu feiern und weiterzumachen, auch wenn der Druck von außen so überwältigend ist wie derzeit.

Schmerzlich, dass das Agieren der politisch Verantwortlichen angesichts beider Pandemien – heute Covid-19 – und immer schon sexueller Missbrauch in der Kindheit – dasselbe ist….

Als Kollektiv gehen wir Tag für Tag von der Hoffnung aus, dass wir gemeinsam mit den Nutzerinnen dieser neuen Bedrohung ihres Lebens begegnen und ihr widerstehen können; dieses Mal sind sie nicht allein und werden nicht gezwungen sein zu schweigen.

Das Team von Aguas Bravas ist weiterhin und insbesondere in der jetzigen Situation dankbar für Ihre/Eure Spenden, die es uns auch ermöglicht haben, mit einem Grundwarenkorb Frauen zu unterstützen, die einzige Ernährerinnen ihrer Kinder sind, und die sich aufgrund der politischen Krise und der aktuellen Pandemie in einer sehr prekären Situation befinden.

Spenden bitte auf das Konto:

Wildwasser e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
IBAN: DE35100205000003036403
BIC: BFSWDE33BER

Konto-Nr.: 3036403
BLZ: 100 205 00

Stichwort: Aguas Bravas Nicaragua

willkommen

19. 6.2020

Team von Aguas Bravas Nicaragua